Warum Landschaften wichtige Schnittstellen sind

Im Interview stellt Prof. Dr. Jörn Fischer, Professor für nachhaltige Landnutzung, sein Forschungsprojekt zu Systemeigenschaften zur Sicherung von Nahrungsmitteln und Biodiversität vor – bei dem auch soziale Medien eine Rolle spielen.

Grünes Wissen (GW): Herr Fischer, Sie sind als Professor für nachhaltige Landnutzung am Institut für Ökologie der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Ihre Tätigkeit umfasst unterschiedliche Felder, wie zum Beispiel Landschaftsökologie, Ökosystemforschung, und die Erforschung von sozial-ökologischen Systemen. Das hört sich bunt an…

Prof. Dr. Jörn Fischer (JF): Das ist es! Vereinfacht könnte man sagen, dass ich mich für nachhaltige Entwicklung auf Landschaftsebene interessiere, vor allem in landwirtschaftlich genutzten Regionen. Allerdings bin ich kein Agrarwissenschaftler. Vielmehr interessiert mich das Zusammenspiel von Mensch und Natur in solchen Landschaften. Mensch und Natur sind, gerade in ländlichen Regionen, stark miteinander verknüpft. Diese Verknüpfungen zu verstehen, und Veränderungen so zu gestalten, dass sie sowohl dem menschlichen Wohl als auch der Natur zu Gute kommen – darum geht es in meiner Forschung.

GW: In Ihrem Forschungsprogramm arbeiten Natur-, Humanwissenschaftler, regionale Entscheidungsträger und Einwohner zusammen. Warum braucht es diese Akteure?

JF: Auf Landschaftsebene zu arbeiten macht Nachhaltigkeitsprobleme konkret. Wir arbeiten nicht im abstrakten Raum, sondern an Orten, die für die Menschen, die dort leben, wichtig sind. Deshalb mag ich die Landschaft als Bezugsort – das ist weder so kleinskalig, dass man nichts verallgemeinern kann, noch so abstrakt, dass es für „Normalverbraucher“ befremdlich ist. Und um Landschaften zu verstehen, kann man somit auch gar nicht anders, als mit den Leuten vor Ort zu reden. Diese Zusammenarbeit mit Akteuren in der Forschung ist „Transdisziplinarität“. Es ist nicht immer ganz einfach, aber wenn man oft genug mit der Bevölkerung Kontakt aufnimmt, versteht man die verschiedenen Perspektiven bald sehr gut. Und natürlich ist auch Interdisziplinarität wichtig. Wir können nicht einfach mit Ökologie kommen, wenn wir Probleme lösen wollen. Ebenso können wir sozioökonomische Probleme nicht ohne ihren ökologischen Kontext untersuchen – wir brauchen beides. In meiner Arbeit klappt diese Interdisziplinarität recht gut, weil wir bewusst in kleinen Teams arbeiten. Das schafft Vertrauen, und disziplinäre Grenzen werden dann zweitrangig. Außerdem habe ich eine bunte Mischung an Nationalitäten im Forschungsteam, inklusive mehrerer Menschen aus Entwicklungsländern. Der Schlüssel zu guter Forschung – gerade an komplexen Themen – liegt für mich in einem diversen, starken Team, in dem sehr reger Austausch untereinander stattfindet.

GW: Sie wollen in Ihrem aktuellen Forschungsvorhaben eine Theorie entwickeln, die erklärt, welche Eigenschaften von sozioökologischen Systemen Biodiversität und Nahrungsmittelsicherung begünstigen. Wo liegt der Zusammenhang?

JF: Am vielleicht offensichtlichsten ist die Verknüpfung von Nahrung und Biodiversität durch die Landwirtschaft. Landwirtschaft produziert Nahrung, beeinflusst aber auch die Biodiversität – oft negativ, zum Beispiel, wenn Chemikalien angewendet werden oder natürlicher Lebensraum gerodet wird, um Platz für die Landwirtschaft zu schaffen. Aber es gibt auch andere, wichtige Zusammenhänge. Nehmen wir als Beispiel einmal Bildung. Eine bessere Schulbildung von Frauen in Entwicklungsländern bedingt zum Beispiel kleinere Familiengrößen. Das ist dann nützlich für die Biodiversität, weil weniger Land benötigt wird, um die Familie zu ernähren. Und es ist auch gut für Nahrungssicherheit, weil eben weniger Menschen ernährt werden müssen. Etwas Besonderes an diesem Projekt ist somit, dass wir einen Systemansatz benutzen. Wir erforschen nicht nur Ökologie, und nicht nur Nahrungssicherheit, und nicht nur aus jeweils einer disziplinären Perspektive. Viele verschiedene Punkte werden bei uns beachtet. Das alles zusammen zu bringen ist natürlich nicht immer ganz einfach!

GW: Um Daten zu generieren benutzen Sie auch soziale Medien – Twitter, einen Blog zu „Ideas for Sustanainability“ – und rufen zur interaktiven Teilnahme auf. Wie sind Ihre Erfahrungen hier?

JF: Prinzipiell kann auf unserem Blog jeder Kommentare abgeben, und sich somit an der Diskussion beteiligen. Mittlerweile haben wir viele Beiträge und Kommentare, und der Blog wird weltweit von vielen Menschen gelesen. Er ist somit ein effektives Sprachrohr für unsere Forschung. Zum Daten generieren ist der Blog eher zweitrangig. Vor allem geht es hier darum, sich auszutauschen – oft zu „heißen“ Themen, die in der Fachliteratur gerade viel Aufmerksamkeit bekommen. Ein Blog ist viel schneller und flexibler als die Fachliteratur. Schon oft sind auf dem Blog sehr interessante Diskussionen entstanden, die in Fachzeitschriften so nie möglich wären.

GW: Eine letzte Frage: Was verbinden und verbindet Sie mit Landschaften?

JF: Landschaften sind eine Schnittstelle. Sie sind die Heimat von Menschen, der Lebensraum von Tieren und Pflanzen, und der Ort, an dem Politik umgesetzt wird. Natürlich müssen wir die Welt global auf Spur bringen, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Aber besonders greifbar werden die Probleme auf Landschaftsebene – und diese Schnittstellenfunktion ist das, was ich an Landschaften so faszinierend finde.

Das Interview führten Hanna Selm und Nora Wehofsits, Koordinatoren des Portals „Grünes Wissen“, mit Prof. Dr. Jörn Fischer, der für seine Forschung über nachhaltige Entwicklung in Osteuropa den Sofja-Kovalevskaja Preis der Alexander von Humboldt Stiftung erhalten hat.

Weitere Informationen zu dem Projekt (auf Englisch) finden sich unter diesem Link. Der Blog zum Projekt mit der Möglichkeit der interaktiven Teilnahme ist zu finden unter https://ideas4sustainability.wordpress.com.

Hier finden sich weiterhin Projektinformationen zu Prof. Dr. Jörns Forschung zu nachhaltiger Entwicklung in Transsylvanien/Rumänien.


Prof. Dr. Jörn Fischer

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