Studie zur nachhaltigen Entwicklung in der Lehre

Der UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“ untersucht die Integration von nachhaltiger Entwicklung in die Lehre der Universität Lüneburg. Doktorandin Anna Sundermann gibt Einblick in Lernprozesse eines Studienmodells der Zukunft.

Nachhaltige Entwicklung in der Hochschullehre

Das Studienmodell der Leuphana Universität Lüneburg ist einzigartig in Deutschland. Nach dem Vorbild des „whole institution“-Ansatzes integriert die Hochschule das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung in alle Bereiche des universitären Lebens. Das Ziel der Integration von Themen nachhaltiger Entwicklung in die Hochschule ist es, die Studierenden zu befähigen ihre Zukunft nach dem Prinzip der inter- und intragenerationalen Gerechtigkeit zu gestalten. Mit diesem Ziel vor Augen untersucht das Team des UNESCO Chairs „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“ wie die Integration von nachhaltiger Entwicklung an der Leuphana von den Studierenden wahrgenommen wird und wie sich ihre Einstellungen, Werte und Interessen über die Zeit hinweg verändern. Welchen Einfluss nimmt das Thema etwa auf die berufliche Orientierung der Studierenden?

Als Psychologin interessiert die Doktorandin Anna Sundermann an dem Projekt „Longitudinal Study on the Integration of Sustainable Development in Higher Education (LISHE)“ besonders, welche Rolle das Hochschulmodell für die Identitätsentwicklung der Studierenden spielt. Als Studentin einer konventionellen Universität hatte sie sich immer mehr Interdisziplinarität und Offenheit in Forschung und Lehre gewünscht. „Die Leuphana habe ich aus der Ferne als ein sehr interessantes Modell kennengelernt. Aber ich fragte mich damals, inwiefern ist den Studierenden an dieser Universität bewusst, wie besonders das Modell in Lüneburg ist und welche Vorteile es bietet? Die Studierenden haben dort die einmalige Gelegenheit über den Tellerrand zu blicken und wirklich aktiv etwas zu verändern in ihrem zukünftigen Berufsleben.“

„LISHE“s Forschungsinteresse

Was passiert also wenn sich Studierende so intensiv mit dem Thema nachhaltige Entwicklung auseinandersetzen? Anna Sundermann und Daniel Fischer erforschen diese Frage in einer langfristig angelegten Längsschnittstudie. Die wissenschaftliche Leitung des Projekts liegt bei Prof. Dr. Gerd Michelsen, Inhaber des UNESCO Chair “Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“. Aus wissenschaftlicher Perspektive wollen die Forschenden einen Beitrag zur Beschreibung von Lernergebnissen im Bereich der Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung leisten. Aus praktischer Perspektive werden die Ergebnisse genutzt werden, um die Qualität der Lehre zu verbessern und langfristig das Konzept für andere Hochschulen interessant zu machen.

Derzeit werden drei Jahrgänge (Studienbeginn 2012, 2013, 2014) von ihrem ersten Semester bis zur Bachelorarbeit untersucht. Die Studierenden aller Fachrichtungen werden zu vier verschiedenen Zeitpunkten mittels eines Online-Fragebogens befragt. Parallel dazu finden Gruppen- und Einzelinterviews statt, um Perspektiven und Lernprozesse intensiv beforschen zu können. Vor dem ersten Semester werden die Studierenden beispielsweise gefragt, was sie von der universitären Lehre erwarten und welche Erfahrungen sie bisher mit nachhaltiger Entwicklung gemacht haben.

Herausforderungen einer Längsschnittuntersuchung

Ein Forschungsprojekt dieser Größe birgt immer Herausforderungen. Beispielsweise ist die Teilnahme an dieser Studie aus ethischen Gründen freiwillig. Dies bedeutet, dass die Studierenden sich zu jedem Erhebungszeitpunkt neu entscheiden können, ob sie an der Befragung teilnehmen. So kann es sein, dass viele Personen, die kein Interesse an der Studienteilnahme haben, gleichzeitig auch der Meinung sind, dass die Integration von nachhaltiger Entwicklung in die Hochschullehre sie nicht darauf vorbereitet handlungsfähig zu werden. Auch möglich ist, dass in der Studie nur Personen bis zum letzten Befragungszeitpunkt verbleiben, die ein besonderes Interesse an der Weiterentwicklung ihrer Hochschule haben oder besonders motiviert sind an Studien teilzunehmen. Die Qualität der Ergebnisse hängt daher stark von der Teilnahmebereitschaft der Studierenden ab.

Eine weitere Herausforderung bei der Erforschung der Wirksamkeit eines Studienmodells ist, dass die Studierenden während des Erhebungszeitraums von drei Jahren vielen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt sind. Im engeren Sinne können dies Freunde, Familie oder Aktivitäten in Vereinen sein. Im weiteren Sinne ist dies die Umwelt in der die Studierenden sich bewegen, so zum Beispiel die Stadt oder die persönliche finanzielle Situation. Grundsätzlich ist es somit über diesen langen Zeitraum schwer nachzuweisen, dass eine Veränderung im Verständnis von nachhaltiger Entwicklung auf das Modell der Leuphana zurückzuführen ist.

Die beschriebenen Herausforderungen zeigen, dass bei der Interpretation und Verallgemeinerung von Studienergebnissen die Datenstruktur und der Erhebungskontext einbezogen werden müssen. Schließlich lassen sich jedoch über einen langen Zeitraum belastbare Ergebnisse erzielen. Veränderungstendenzen, die in den Fragebogendaten sichtbar werden, können in den Interviews zum Gegenstand der Befragung werden. Die Erhebungsmethoden, Interviews und Fragebögen ergänzen sich also wechselseitig.

Was lernt man schließlich aus einer explorativen Studie? In erster Linie ist es wichtig, dass ein Studienmodell nicht verändert werden kann, wenn man die Lernprozesse nicht versteht oder messen kann. Es ist wichtig zu beschreiben, ob und welche Veränderungen es in den Lernergebnissen der Studierenden gibt. Auch wenn die beschriebenen Herausforderungen skizzieren, dass Methoden keinesfalls perfekt sind, lassen sich während des Forschungsprozesses Erkenntnisse erzielen, um im nächsten Schritt Instrumente und Vorgehensweisen weiterzuentwickeln.

Dies ist ein Gastbeitrag der Projektkoordinatorin Anna Sundermann, die im Rahmen des Projekts ihre Promotion durchführt. Sie ist am UNESCO Chair „Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung“ an der Leuphana Universität Lüneburg als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Publikationen und weitere Informationen zu dem Forschungsprojekt sind hier zu finden.


Literatur

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Anna Sundermann

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