Nachhaltigkeitspolitik: Biodiversität als politisches Querschnittsthema

Dr. Norman Laws lässt uns daran teilhaben, wie und warum er an sein Forschungsprojekt zu Politikbereichen einer effektiven und umfassenden Biodiversitätspolitik herangegangen ist.

Am Anfang steht die Überlegung, ob man überhaupt promovieren möchte. Macht es Sinn? Soll man diese Zeit wirklich aufwenden? Sich drei oder mehr Jahre intensiv mit einem Thema zu befassen – das ist nicht für jeden etwas. Auch über das „Warum“ sollte man nachdenken. Im Falle des hier beschriebenen Vorhabens war die Motivation die Möglichkeit, sich intensiv über einen längeren Zeitraum mit einem persönlich bedeutsamen Themenbereich auseinandersetzen zu können, die den Forscher dazu bewog, den Weg der Promotion zu wählen. Außerdem war es die mit einer Promotion verbundene Perspektive, auch in Zukunft weiter wissenschaftlich tätig sein zu können, die die Entscheidung beeinflusste. Die Promotion stellt sozusagen die Eintrittskarte zu weiterer wissenschaftlicher Arbeit dar.

Bei der Themenwahl stellt sich schnell die Frage, was ein „gutes Thema“ ist, das bisher noch nicht bzw. kaum wissenschaftlich bearbeitet wurde und welches einen selbst in einer Art und Weise interessiert, um sich damit die nächsten Jahre seines Lebens täglich zu beschäftigen. Fragen der Ökologie, der Nachhaltigkeit, der Ökonomie und der Politik lagen bereits seit der Jugend im Interessengebiet des Forschenden. Es erschien immer rätselhaft, warum der Mensch die Lebensbedingungen auf dem einzigen Platz, der ihm innerhalb der nächsten Millionen von Lichtjahren zur Verfügung steht, systematisch beeinträchtigt. Daher lag es nahe, einen Teilbereich des großen Themas „Umwelt“ aufzugreifen und zu versuchen, die anderen, ebenfalls interessanten Faktoren einzubeziehen. Die Wahl fiel letztlich auf die Biodiversität, als eine der planetarischen Grenzen, die bereits überschritten ist (Rockström et al. 2009).

In den Nachhaltigkeitswissenschaften wird häufig mit einem problemorientierten Ansatz gearbeitet. Im Gegensatz zur primären Bearbeitung einer Theorie steht hier ein Problem im Mittelpunkt, für dessen Existenz Erklärungen und Ansätze zu seiner Lösung gefunden werden sollen. Die benötigten Theorien und Erklärungsansätze aus den unterschiedlichsten Disziplinen ergeben sich dabei im Prozess der Arbeit.

Betrachtung der Biodiversitätspolitik in der Praxis von Politik und Administration des Bundes

Auch im hier beschriebenen Fall war es sinnvoll, diesen Ansatz zu wählen. Einen Beitrag zur Erklärung der Gefährdung von Biodiversität als Grundlage allen Lebens zu leisten, erschien insgesamt von großer Bedeutung. Dafür musste zunächst einmal die relevante Literatur gesichtet werden. Die festgestellte häufige Assoziation von Biodiversitätsschutz mit Schutzgebietsschaffung und -management griff offensichtlich zu kurz, um zu einem effektiven Schutz von Biodiversität zu gelangen.

Es stellte sich jedoch die Frage, welche Politikbereiche Teil einer tatsächlich umfassenden und effektiven Biodiversitätspolitik sein müssen. Welche Voraussetzungen braucht es, welche Hindernisse bestehen? Im Vordergrund standen grundsätzliche Überlegungen und die Identifikation von Politikbereichen, die adressiert oder diskutiert werden müssen, um das Ziel zu erreichen: Erst dann kann Biodiversität als Querschnittsthema und konkrete Veranschaulichung von Nachhaltigkeit unter Berücksichtigung aller drei Dimensionen von Ökologie, Ökonomie und Sozialem verankert werden. Im Arbeitsprozess ergab sich, dass auch die Auswirkungen individueller und sozialer Faktoren auf Biodiversität nicht unterschätzt werden dürfen. Insbesondere ist es aber auch gerade das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das in der Analyse der Gründe für eine massiv zurückgehende Biodiversität nicht vernachlässigt werden darf.

Wirtschaftsordnung und Biodiversitätspolitik

Die dann erarbeitete Studie (Laws 2015) zeigte, dass es einer zweiten Ebene von Biodiversitätspolitik bedarf, die insbesondere systemische Faktoren und die Frage der kapitalistischen und auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsordnung aufgreifen muss. Wenn der Bedarf einer zweiten Ebene von Biodiversitätspolitik identifiziert wird, dann stellt sich unweigerlich die Frage, inwiefern eine solche in Politik und Verwaltung bereits aufgegriffen wird. Zur Beantwortung dieser Frage war eine reine Dokumentenanalyse nicht mehr möglich, da es auch um die Einschätzungen der Akteure ging und um die Frage, wo sie eventuelle Schwierigkeiten einer Implementation in der Praxis sehen würden. Diese Informationen sollten mit Hilfe von Interviews der mit Biodiversität beschäftigten Mitglieder des Bundestages und innerhalb der Bundesministerien gewonnen werden. Dabei kam der Forschung zugute, dass man gleichzeitig für einen Report des WWF Deutschland (Laws 2014) Interviews zur Institutionalisierung von und dem Umgang mit Biodiversität innerhalb von Politik und Verwaltung führte. Damit waren die Interviewpartner bereits identifiziert. Bei einem Großteil der angefragten Interviewpartner herrschte ein hohes Interesse an der Teilnahme. Jedoch gab es auch Ministerien, die keine Zuständigkeit oder Schnittmengen bei bzw. mit dem Thema sahen und in denen ein Interview abgelehnt wurde.

Durch die grundsätzlich hohe Bereitschaft der Interviewteilnahme, die teilweise bis zur Staatssekretärsebene reichte, war es möglich, auch der Frage nachzugehen, inwiefern Elemente eines Paradigmenwechsels zu einer zweiten Ebene der Biodiversitätspolitik in Bundesverwaltung oder bei den Parteien im deutschen Bundestag bereits zu finden sind – oder eben auch nicht.

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Norman Laws. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Nachhaltigkeit und Politik an der Leuphana Universität Lüneburg.

Weitere Informationen zur WWF-Studie zu Biodiversität finden sie hier.

Eine Leseprobe der Studie von Laws (2015) gibt es hier.


Literatur

Laws, N. 2014: Priorität für unsere Lebensgrundlagen. Politikbarometer zur Biodiversität in Deutschland. WWF: Berlin. https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Studie-Politikbarometer-zur-Biodiversitaet-in-Deutschland.pdf

Laws, N. 2015: Biodiversität. Gesellschaft. Politik. Wirtschaftssystem. Nomos: Baden-Baden. Einführung: Leseprobe (http://www.nomos-shop.de/_assets/downloads/9783848726035_lese01.pdf)

Rockström, J. et al. 2009: “Planetary Boundaries: exploring the safe operating space for humanity“, Nature 461,472-475.

Dr. Norman Laws

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